Zwischen Deutschkurs, Sporthalle und Bibliotheksjob
Janina ist eine von insgesamt 9000 Deutschen, die 1997 in Amerika eingeschrieben waren. Die Anziehungskraft dieses Landes ist damit ungebrochen. Nicht ohne Grund, denn die Vereinigten Staaten sind ein offenes, gastfreundliches Land; seine Universitäten werden gerühmt für Spitzenleistungen und optimale Studienbedingungen. Mit glänzenden Augen berichten Rückkehrer von der Studienatmosphäre und dem Leben auf dem Campus. Allerdings ist so ein Aufenthalt nicht billig. Mit 15 000 bis 25 000 Dollar Gesamtkosten pro Jahr muß man rechnen, im Extremfall noch 10 000 Dollar mehr. Stipendien für Deutsche sind rar und meistens nur für fortgeschrittene Studierende zu haben. Jobben neben dem Studium ist nur auf dem Campus erlaubt. Allein Studiengebühren von 5000 bis 15 000 Dollar und mehr jährlich sind ein harter Brocken. Andererseits werden die Hochschulen dadurch in die Pflicht genommen, den Studenten eine gute Ausbildung und Betreuung zu geben.
Auf der Wunschliste der Studienfächer stehen Business & Management und Engineering seit langem oben. Computer Science und die neuen Medienfächer sind stark im Kommen. Die Palette der Studienfächer ist groß. Auch Nischenfächer wie zum Beispiel Women's Studies oder Native American Studies haben ihren Reiz. Nicht wundern darf man sich allerdings, wenn man Ausbildungsgänge für technische Zeichner, Mechaniker oder Köche findet. Der Begriff Higher education, nur unzureichend übersetzt mit "Hochschulwesen", bezeichnet so gut wie alle Ausbildungsbereiche nach der High school, also auch die berufliche Bildung.
Das Studium verläuft in zwei Etappen. Am Anfang steht das vierjährige Undergraduate-Studium, das mit dem Bachelor's Degree abschließt. Dafür geht man entweder auf eines der unabhängigen Vierjahrescolleges oder an eine Universität, denn auch diese verfügen über Undergraduate-Abteilungen. Der Bachelor-Abschluß ist die Eintrittskarte ins Berufsleben. Ebenso ist er die Voraussetzung für das Graduate-Studium, ein weiterführendes, intensives Fachstudium von ein bis zwei Jahren, das mit dem Master's Degree abschließt. Das Graduate-Studium ist die Domäne der Universitäten. Außerdem gibt es kostengünstige Zweijahrescolleges (Community/Junior Colleges). Zwar machen sie Übergänge auf die Vierjahrescolleges möglich, ihr Studienangebot ist aber begrenzt und teilweise rein praxisorientiert. Der Abschluß (Associate Degree) zählt in Deutschland weder für ein Weiterstudium noch als berufliche Qualifikation.
Auch der amerikanische Bachelor's Degree wird in Deutschland mit Skepsis betrachtet. Die Zentralstelle für das Ausländische Bildungswesen in Bonn betont, daß das fachliche Niveau des Bachelor vielfach "deutlich unter dem Anspruch des Fachhochschuldiploms" liege. Allerdings gilt das nicht ohne Einschränkung, sondern hängt weitgehend von der einzelnen Hochschule und deren spezifischem Profil ab. Ein Master's Degree wird dagegen gut beurteilt und unter bestimmten Voraussetzungen mit dem deutschen Universitätsabschluß gleichgestellt.
Liberal Arts Education heißt das traditionelle amerikanische Bildungsideal, das die Undergraduate-Phase bis zum Bachelor-Abschluß prägt. Gefördert wird nicht fachliches Spezialistentum, sondern ein breit angelegtes, fachlich wenig ausgeprägtes Grundlagenwissen. Am Anfang überwiegt ein lose strukturiertes Angebot von Einführungs- und Orientierungskursen, die nur in einigen praxisbezogenen - zum Beispiel den technischen - Fächern genau festgelegt sind. Ein Hauptfach steht erst im zweiten oder dritten Studienjahr im Mittelpunkt. Daraus darf jedoch nicht geschlossen werden, die Leistungsanforderungen seien lasch. Im Gegenteil, intensives Arbeiten ist in allen Studienphasen an der Tagesordnung, mitternächtliche Sitzungen in der Bibliothek oder vor dem Computer, Tests, Referate und Klausuren sind über das ganze Semester verteilt. Oft hilft dann ein Gespräch mit dem betreuenden Professor, dessen Tür meist weit offensteht.
Das intensive Miteinander, das auch ein Teil des angesprochenen Bildungsideals ist, endet nicht an der Hörsaaltür, sondern setzt sich im Campusleben fort. Viele Studenten sind in Aufgaben eingebunden, die der Gemeinschaft dienen. Janina hat Deutsch-Konversationskurse gegeben und an Projekten des Internationalen Clubs mitgewirkt. Erfahrene Studenten sind als Ansprechpartner im Wohnheim eingesetzt oder als Sicherheitspatrouillen auf dem Campus, ausgerüstet mit Funkgerät und Halogenlampe. Andere jobben in der Uni-Bibliothek, den Cafeterias, Buchläden, Sporthallen oder für die Campuszeitung. So organisieren die Campusbewohner ihren Alltag selbst. Der Gemeinschaftsgeist zeigt sich am stärksten bei den großen Hochschulsportveranstaltungen, wenn Zehntausende in die Stadien strömen, um ihr Team anzufeuern. Für Janina war es die Tournee mit dem College-Orchester, in dem sie Klarinette spielte. Zehn Tage waren die Musiker in den Semesterferien unterwegs und gaben Konzerte in Partnercolleges und Kirchen von Ohio bis Pennsylvania. Kosten fielen fast keine an, weil alles auf Einladung basierte und das College die Fahrt gesponsert hat.
Die Vorbereitung für einen solchen Amerika-Aufenthalt dauert bis zu anderthalb Jahren. Bewerbungsfristen und Testtermine müssen eingehalten, Studienangebote, Zulassungsbedingungen und Kosten recherchiert und verglichen werden. Bereitwillig schicken die Hochschulen Prospekte und Bewerbungsunterlagen; bei Vorlesungsverzeichnissen wird zunehmend auf das Internet verwiesen. Ein genauer Blick in die Homepages der Hochschule lohnt sich. Von hier aus kann man seine Fragen über E-Mail auch direkt mit den Zulassungsstellen klären.
Die Zulassungsanforderungen sind unterschiedlich. Die Hochschulen entscheiden selbst, welche Lehrpläne sie aufstellen, welche Studieninhalte sie anbieten, wen sie aufnehmen und wen nicht. Diese Freiheit verdanken sie größtenteils der Tatsache, daß sie keiner gleichmachenden staatlichen Aufsicht unterliegen. Einzig die "Akkreditierung" bei einer Reihe von regionalen Verbänden und berufsständischen Vertretungen sorgt für die Einhaltung bestimmter Mindeststandards in der Lehre. Diese (freiwillige) Kontrolle ist daher ein wichtiges Kriterium bei der Auswahl der Hochschule und sollte immer überprüft werden.
Die Fachhochschulreife ist die Mindestvoraussetzung für Studienanfänger. Mit dem Abitur kann man meist gleich ins zweite Studienjahr eingestuft werden. Für die Bewerbung haben der TOEFL-Sprachtest und gegebenenfalls andere Zulassungstests großes Gewicht. Persönlichkeit, breitgefächerte Interessen, soziales Engagement, außergewöhnliche Talente, auch fachfremde, sind weitere Qualitäten, die die Bewerbung entscheidend beeinflussen können.
Für Bewerbungen zu den Graduate Schools gilt im wesentlichen dasselbe. Fachliche Vorleistungen aus Deutschland werden hier allerdings genau unter die Lupe genommen. Zwei Semester im Hauptstudium oder ein abgeschlossenes Fachhochschulstudium sind die Mindestvoraussetzungen. Häufig wird sogar ein deutscher Universitätsabschluß verlangt.
Die Autorin ist Studienberaterin an der FH Hannover.
Dieser Aufsatz ist in erweiterter Form als Beitrag zu dem Sammelband "Studieren in Europa und Übersee", hrsg. von Hans-Martin Barthold in Kooperation mit dem DAAD, Societäts-Verlag, c1998, erschienen.