Amerikaner - Menschen wie du und ich?
Amerikaner, die Amis - das sind doch Leute mit Cowboyhüten, die Bob und Linda heißen und in ihrem riesigen Auto mit Klimaanlage zur nächsten Fast Food-Bude gondeln. Das stimmt. Genauso wie alle Deutschen Ordnung und Disziplin über alles lieben und niemals unpünktlich sind. Es ist natürlich immer leicht, seine Vorurteile zu pflegen. Und natürlich sieht man seine Klischees auch überall bestätigt, wenn man denn nur will. Aber die Realität sieht ein bisschen anders aus.
Der Schmelztiegel
Die amerikanische Identität fußt auf dem so genannten "melting pot"-Mythos. Danach verschmolzen Millionen von Einwanderern aus aller Herren Länder zu einer Kultur, zu einer Gesellschaft. "E pluribus unum" - aus vielen wird eins. Dieses Motto der Vereinigten Staaten ist nach Meinung vieler aber längst passé. Stattdessen kann man die amerikanische Gesellschaft als "salad bowl" beschreiben. Wie in einem Salat werden die verschiedenen Zutaten, sprich Kulturen, durcheinandergemischt; sie behalten jedoch ihren eigenen Geschmack.
Wie auch immer man dieser Debatte gegenübersteht, kann man eins jedoch nicht abstreiten: Die USA sind ein unheimlich vielschichtiges und abwechslungsreiches Land. Durch die riesigen Entfernungen treten die Unterschiede noch mehr hervor. Ein Amerikaner aus Nebraska würde wahrscheinlich behaupten, die Bewohner der sechs Neuengland-Staaten seien gar keine richtigen Amerikaner. Und auch Kalifornier seien ja irgendwie ganz anders. Die New Yorker erst recht. Weiter unten im Süden begreifen sich die Texaner von jeher prinzipiell als eigene Nation. Im tiefsten Süden stellen die ehemaligen konföderierten Staaten ihren Zusammenhalt und ihre Unterschiede zum Rest der Vereinigten Staaten auch heute noch gerne zur Schau. Zudem ist und bleibt Amerika ein Einwanderungsland und lebt damit von den Einflüssen der verschiedensten Kulturen. Das demographische Gesicht der USA wechselt ständig und wird sich in den nächsten Jahrzehnten grundlegend verändern. Wer also ist der typische Amerikaner. Und wo kann man ihn denn bitteschön finden? Nirgends....und überall! Denn so unterschiedlich die Amerikaner auch sein mögen, gibt es natürlich auch landestypische Eigenheiten, die einem während eines Praktikums immer wieder begegnen werde.
Ein paar Regeln für den Alltag
Nicht abschrecken lassen sollte man sich von den manchmal etwas rüden Beamten der Einwanderungsbehörde bei der Einreise. Danach wird es nur noch netter. Denn eines wird sofort auffallen: Amerikaner sind einfach freundlicher! Während hierzulande oftmals mürrische Gesichter den Alltag beherrschen, werden einem im Berufsleben in den USA hauptsächlich freundliche Gesichter begegnen. Mag sein, dass das nur die Oberfläche ist. Aber Freundlichkeit und Interesse auch ohne Tiefgang sind immer noch besser als Unfreundlichkeit und Desinteresse. Auf die Frage "How are you?" antwortet man eigentlich immer mit "I'm fine, thank you!", um dieselbe Frage dann seinem Gegenüber zu stellen. Hier liegt nicht etwa Interesse am Gemütszustand des Gesprächspartners vor. Vielmehr erleichtern solche Höflichkeitsfloskeln den Einstieg in ein Gespräch ungemein. Auch eine Einladung zum Essen sollte erst mal als unverbindliche Nettigkeit verstanden werden, wenn sie nicht gleich von einem konkreten Zeitpunkt begleitet wird. Aber oft ergeben sich aus den zunächst als oberflächlich empfundenen Begegnungen die ersten Kontakte. Im Berufs- und Alltagsleben lernt man jedenfalls viel schneller Leute kennen.
Amerikaner sind meistens sehr interessiert, wenn sie Deutsche treffen. Mit einem Anteil von knapp 20 Prozent stellen die Deutschen historisch die größte Gruppe der Einwanderer. In Milwaukee, in Pennsylvania oder im texanischen Hill Country sind die Einflüsse dieser Einwanderer noch sehr sichtbar. Aber auch sonst werden einem überall Leute begegnen, die zu einem Viertel oder Achtel deutsche Vorfahren haben. BMW und Mercedes, deutsches Bier, die Bratwurst und die Autobahn kennt jeder Amerikaner - und auch über den Rest wollen sie mehr wissen. Das wird auch am Arbeitsplatz während des Praktikums so sein.
Wenn es in der Mittagpause oder nach der Arbeit zum Abendessen ins Restaurant geht, sollten ein paar Regeln immer beachtet werden. Niemals den Platzanweiser ignorieren. Das in Restaurants allgegenwärtige Schild "Wait to be seated" muss auch so verstanden werden. Die Bedienungen in amerikanischen Restaurants sind ausgesprochen höflich und hilfsbereit. Üblich ist, dass die Getränke kostenlos nachgefüllt werden und auch sonst ist der Service vorbildlich. Daher sollte auch nicht beim Trinkgeld geknausert werden. Die Faustregel ist, immer mindestens 15 Prozent des Rechnungsbetrags als "tip" ruhig mitten auf dem Tisch zu hinterlassen. Rauchen ist mit ganz wenigen Ausnahmen in nahezu jedem Restaurant verboten. Alkohol hingegen kann in Bars und Restaurants konsumiert werden. Aber niemals die angebrochene Bierflasche mit vor die Tür nehmen - der Konsum von Alkohol in der Öffentlichkeit ist überall in den USA untersagt.
Der Arbeitsplatz
In amerikanischen Unternehmen herrscht generell ein eher informeller Umgangston. Gerade jüngere Menschen werden ohne Umschweife mit Vornamen angeredet. Wenn ihr zukünftiger Vorgesetzter dies also tut, ist das nicht gleich als Zeichen der Vertrautheit und folglich nicht als Zeichen zu verstehen, gleiches zu tun. Hier gilt vielmehr die Regel der Höflichkeit, Vorgesetzte oder höherrangige Personen mit deren Nachnamen anzusprechen, bis ihnen die Anrede mit Vornamen angeboten wird. Lange Arbeitstage gelten in den USA als Standard: Pünktliches Erscheinen am Arbeitsplatz ist üblich, aber am Abend werden oft ein paar Minuten drangehängt. Arbeit ist nicht nur Mittel zum Zweck, sondern auch Selbstverwirklichung. Die Identifikation mit dem Unternehmen ist daher generell sehr hoch. Auch von Praktikanten wird eine hohe Leistungsbereitschaft erwartet.
Natürlich gibt es kulturelle Unterschiede. Kleinigkeiten des alltäglichen Lebens oder z.B. die Religiosität, die vielen Amerikanern eigen ist, können bei uns Befremden auslösen. Allgemein gilt, dass Amerikaner eine lockere, leicht zugängliche Art besitzen, gleichzeitig aber in ihren Wertvorstellungen auch konservativer als Europäer sind. Das Zauberwort heißt in diesem Fall Toleranz - von beiden Seiten. Interesse und Offenheit sollten erwidert werden, dann wird der Praktikumsaufenthalt zu einem unvergesslichen und angenehmen Erlebnis.
Text von Adrian Rosenthal.